Tschüss, Selbstständigkeit? Warum ich die Nase voll habe

Reden wir heute mal Tacheles: Ich hab die Nase voll, ich will nicht mehr, ich mache dicht. Warum ich meine Selbstständigkeit (zumindest teilweise) an den Nagel hänge, was du aus meiner Erfahrung lernen kannst und warum ich dennoch an das Konzept Selbstständigkeit glaube, liest du in diesem Beitrag. Viel Spaß dabei – und wenn du magst, hinterlass mir gerne deine Meinung zum Thema, ich bin sehr gespannt!

Ich hab keine Lust mehr! Warum, wieso und worauf überhaupt?

Es ist, wie es ist. In den letzten Wochen und Monaten habe ich immer mehr gemerkt, was ich will – und was ich nicht will. Ich habe nachgedacht, gegrübelt und wieder losgelassen, nicht mehr nachgedacht, anders gedacht, neu gedacht.

Und immer wieder bin ich zu dem gleichen Schluss gekommen:

Ich hab keine Lust mehr auf Selbstständigkeit – zumindest nicht in dem Maße, wie ich sie aktuell ausübe.

Versteh mich nicht falsch, ich LIEBE meine Selbstständigkeit, meine Flexibilität, meine Kunden, meine Freiheit und alles, was dazu gehört. Aber: Wie ich dir bereits in meinem Beitrag „10 Gründe, warum du dich NICHT selbstständig machen solltest“ berichtet habe, ist die Selbstständigkeit nicht immer ein Zuckerschlecken – und meiner Meinung nach auch nicht für jeden genau das Richtige (auf persönlicher Ebene, unabhängig von der Kompetenz).

Lass mich dazu ein wenig ausholen.

Mein Weg in die Selbstständigkeit

Schon als Kind war ich sehr strukturiert und organisiert, hatte alles im Griff, jedes Detail im Auge und konnte Dinge gut voran und zu Ende bringen. Meine Schul- und Unizeit war sehr erfolgreich, allerdings fühlte ich mich auch sehr gestresst, wollte immer alles „perfekt“ machen und hatte sehr hohe Erwartungen an mich selbst hat. Das übt sehr schnell großen Druck aus.

Ich wusste immer: Selbstständig mache ich mich nie. Warum? Ich war der festen Überzeugung, dass ich dann viel zu viel arbeiten und kein Ende finden würde, mir die Gesellschaft fehlen und ich nicht zu 100 % glücklich sein würde.

Nach dem Uniabschluss habe ich also erst einmal einen Job in einer Online-Redaktion angenommen. Der war zwar mies bezahlt, aber alles andere stimmte: Nette Kollegen, interessantes Thema, Abwechslung, Entwicklungsmöglichkeiten, kurze Anfahrt etc.pp. Nebenbei begann ich, auf freiberuflicher Basis Texte zu schreiben und Website-Content zu optimieren, womit ich also meine erste eigene Selbstständigkeit startete.

Auch damals dachte ich noch: Nee, in Vollzeit machste das nie. Nie. Nie.

Tja, aber irgendwie kommt dann ja doch immer alles anders, als man denkt. Nach 6 Jahren war die Luft raus, ich hab gekündigt und erst einmal geschaut, wie es weitergeht. Selbstständigkeit in Vollzeit? Niemals … Oder doch?

Plötzlich lag da aber dieses verlockende Jobangebot auf dem Tisch: Sehr gut bezahlt, viel Flexibilität, sehr viel Entscheidungsfreiraum, ein kleines Team, kurze Anfahrt und und und …

Ich überhörte sämtliche Stimmen in mir und nahm den Job an – ein Fehler, wie sich schnell herausstellte. Nicht, weil der Job so mies war, sondern weil er 0,0 zu mir und meinen echten Wünschen passte. Schon am 1. Arbeitstag (ungelogen!) wollte ich dort nie, nie, nie wieder hingehen. Alle sagten, dass ich mich erst eingewöhnen müsste und es seine Zeit braucht, aber ich wusste, dass es nicht so war. Es fühlte sich einfach so FALSCH an. So richtig, richtig falsch.

Um es kurz zu machen: Nach 3 Monaten habe ich von heute auf morgen gekündigt, und bin nach weiteren 3 Monaten in die Selbstständigkeit gestartet. Ohne konkreten Plan, ohne feste Kunden.

Dafür, dass alles so aus dem Stegreif passierte und eine Hauruck-Aktion war, ist es mir ziemlich gut geglückt, muss ich sagen. Ich habe recht schnell über Umwege Kunden bekommen und über 1,5 Jahre sogar mit einem Großkunden zusammengearbeitet, was ziemlich viel Spaß gemacht, gutes Geld eingebracht und eine schöne Sicherheit gegeben hat.

Aus, Ende, vorbei … Oder doch nicht?

So wäre es vermutlich auch noch eine ganze Weile weitergegangen, wenn dieser wahnsinnig tolle Mensch nicht plötzlich gestorben wäre und sich damit sämtliche Verträge in Luft aufgelöst hätten (das ist die Kurzversion). Gut, da stand ich also: Nur wenige Kunden, wieder kein Plan. War ich so blind durch die Welt gegangen? Hatte ich mich so verschätzt? Hätte ich schon früher etwas merken müssen? Oh nein, dieser Schicksalsschlag war im Prinzip der berühmte Tritt in den A…., den ich gebraucht hatte. Denn: Während der ganzen Zeit habe ich mich selbst schlichtweg überhört. Ich habe mich hinter anderen versteckt, das gemacht, was ich glaubte, tun zu müssen, habe Kunden akquiriert, die ich im Prinzip gar nicht haben wollte (nicht persönlich gemeint).

Was Intuition und Vertrauen mit Selbstständigkeit zu tun haben

Das konnte doch nicht alles sein, vor allem, weil meine innere Stimme mir doch schon so lange etwas zuflüsterte. Also streckte ich meine Fühler weiter aus, überlegte, was ich wirklich wollte, und kam plötzlich hinter das große Geheimnis meiner Selbstständigkeit. Ich strukturierte um, vertraute in meinen Weg und lief einfach los.

Was soll ich sagen? Es funktionierte!

Ich zog die tollsten Kunden an, die man sich vorstellen kann, verdiente gutes Geld und stolperte von einem Projekt ins nächste. Selbst das Thema „Überarbeitung“ konnte ich bewältigen, indem ich losließ, meine Grenzen lockerte und Vertrauen aufbaute.

Nur: Da fehlte noch etwas.

Etwas, das mir schon die ganze Zeit so sehr fehlte. Die Zusammenarbeit mit anderen, das Teamwork, die Zugehörigkeit zu etwas Größerem und natürlich auch ein wenig kalkulierbare Sicherheit*.

Vielleicht denkst du jetzt, dass all das auch in der Selbstständigkeit möglich ist, zum Beispiel durch den Aufbau eines eigenen Teams oder die Zusammenarbeit mit anderen Freelancern. Klar, vielleicht, möglicherweise. Aber das ist nicht das, was ich mir wünsche und wie ich arbeiten möchte.

3 Jahre habe ich es nun ausprobiert und letztlich eingesehen, dass das, was andere glücklich macht, nicht MEIN Ding ist. Mir persönlich macht es Spaß, für andere Menschen zu arbeiten, mich in ein Team einzubringen und andere auf Augenhöhe zu unterstützen, und ich brauche nicht die volle Verantwortung für ein Projekt oder die 100 %-ige Freiheit. Inzwischen ist es okay für mich, (ein wenig) ortsgebunden zu sein, solange ich nicht komplett auf meine Flexibilität verzichten muss.

Und weißt du was? Es gibt tatsächlich diese Jobs, von denen man früher nur geträumt hat: freie Arbeitseinteilung, attraktives Gehalt, junges Team, dynamischer Arbeitsstil, Abwechslung, teilweise Homeoffice, Firmenevents und so weiter und so fort – sowohl in Festanstellung als auch als Projektarbeit auf freiberuflicher Basis, wobei in der Anstellung natürlich noch Altersvorsorge, Krankenkassenbeitrag, geregeltes Einkommen etc. als Extra-Boni und zusätzliche Sicherheiten* oben draufkommen, die in der Selbstständigkeit definitiv nicht gang und gäbe sind.

Um es auf den Punkt zu bringen: In mir schlägt einfach ein leidenschaftliches Team-, Hands-on- UND Management-Herz, schon seit Ewigkeiten. Vermutlich ist es das, was mich trotz meiner selbstständigen Arbeitsweise und Strukturiertheit nicht zu einem weniger schlechten Unternehmer, sondern zu einem besseren Teamplayer macht.

Will ich vielleicht doch nur davonlaufen?

Immer und immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, ob mein Wunsch anders wäre, wenn ich jeden Monat 100.000 € verdienen würde und meine Selbstständigkeit zu 100 % sicher wäre. Die Antwort lautet: Nein. Und das ist auch gut so, denn sonst würde ich vermutlich nur aus (finanzieller) Angst handeln.

Ich WILL einfach aus tiefstem Herzen im Team arbeiten, für andere da sein, Projekte nach vorne bringen, etwas bewirken, gemeinschaftlich arbeiten, Dinge in die Hand nehmen, auch wenn sie gerade vielleicht noch unwichtig erscheinen oder nicht meiner Qualifikation entsprechen.

Sofern man keine clever ausgetüftelten, langfristigen Verträge hat, steht die Selbstständigkeit jeden Tag, jede Stunde und jede Minute unter einem enormen Druck. Es muss alles einen Sinn ergeben, am Ende des Tages Geld abwerfen, zielgerichtet sein und einen Zweck erfüllen – für einen selbst und für die Zahlen. Natürlich soll es das in einem Angestelltenverhältnis bzw. in einer langfristigen Zusammenarbeit auch, aber für mich ist der Druck definitiv ein anderer. Das Leben als Selbstständiger hat manchmal etwas von „Kämpfe, um zu überleben.“, während es in einem Angestelltenjob eher darum geht, sein Bestes zu geben und seine Aufgaben zu erfüllen, Neues zu initiieren und Bewährtes zu festigen, Strukturen zu überdenken und gemeinsam ans Ziel zu gelangen – aber ohne 200 % Verantwortung.

Wie geht es jetzt weiter? Gebe ich auf?

Natürlich habe ich mich auch gefragt, ob ich aufgeben würde, ob ich es vermasselt habe und möglicherweise zu ängstlich bin. Das kann ich jedoch mit Stolz verneinen. Vielmehr bin ich zu mir selbst gelangt, ich habe mich ausprobiert und mich getestet, bin aus meiner Komfortzone heraus gegangen, habe mich durchgerüttelt und immer wieder aufs Neue herausgefordert, um letztlich zu wissen, was ich wirklich will.

Heute habe ich mehr Vertrauen denn je und außerdem den Mut, zu dem zu stehen, was ich wirklich will – egal, ob andere das als Rückzug betiteln oder nicht; das ist mir herzlich egal. Endlich kann ich meine persönliche Lieblingsmischung in Angriff nehmen: Für ein tolles Unternehmen arbeiten und für mich selbst tätig sein. Klingt doch genial, oder?

Ob das letztlich auf freiberuflicher Basis geschieht oder in einem Angestelltenverhältnis mündet, lasse ich offen. Das Leben passiert ohnehin, während man dabei ist, Pläne zu schmieden.

In meinen Augen gebe ich also nicht 100 % meiner Selbstständigkeit, meiner Freiheit, meiner Flexibilität und meiner beruflichen Leidenschaft auf, sondern gewinne durch eine Anstellung oder Projektbindung 100 % Gemeinschaft, finanzielle Sicherheit*, Regelmäßigkeit, Teamwork und möglicherweise auch Freundschaft dazu.

Und geht es nicht im Leben darum, seinem Herzen zu folgen, sich selbst zu verwirklichen und das zu tun, was einen wirklich glücklich macht?

Eben.

Ob das für immer so weitergeht, weiß ich natürlich nicht. Möchte ich auch gar nicht. Das Leben ist Veränderung, alles ist im Fluss. Vielleicht wohne ich in 20 Jahren auf einer wunderschönen Farm in Neuseeland und züchte Schafe, vielleicht bin ich in 10 Jahren Multimillionär dank einer innovativen Idee, vielleicht breche ich in 30 Jahren zur Weltreise auf und bleibe überall dort, wo es mir gerade gefällt. Wer weiß das schon? Weißt du es?

 

 
 
Feli Hoffmann Follow Your Dreams
 
 


*Sicherheit ist ein verrücktes Wort in diesem Zusammenhang. Denn was ist schon wirklich sicher? Ein unbefristeter Angestelltenjob ist ebensowenig sicher wie die Selbstständigkeit. Nichtsdestotrotz profitiert man durch eine Anstellung schon von einigen finanziellen Boni, wie zum Beispiel gesetzliche Altersvorsorge, 50 % Krankenkassenbeitrag etc. pp.

 
 
 
 
 
 
 
 

2 Comments

  1. Katrin 23. August 2018 at 20:15 - Reply

    Toll, wie du das alles machst!!! :*

    • Feli 24. August 2018 at 6:55 - Reply

      Danke, meine Liebe! Und so kann ich auch immer länger in deiner Nähe bleiben …. :-p

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